Nachgefragt … Krieg in der Ukraine

Wie erklären, wenn Kinder danach fragen?

Was viele Jahre für uns in Europa undenkbar schien, ist nun traurige Realität geworden. Die aktuellen Bilder und Berichterstattungen aus der Ukraine, die auf allen Kanälen auf uns einprasseln, machen traurig und betroffen.

Was wir dort zu sehen und zu hören bekommen, ist schon für uns Erwachsene nur schwer zu ertragen.Und wer dann auch noch vom unsäglichen Krieg persönlich betroffene Menschen kennt und ihr Schicksal über Socialmedia-Kanäle verfolgt, dem fehlen dann auch schnell die Worte. Was wir sicher alle schmerzhaft feststellen mussten, ist die Tatsache, wie verletzlich Frieden und Freiheit sind – und dass wir beides auch im Jahr 2022 nicht als selbstverständlich ansehen dürfen.

Ängste und Sorgen

In der Regel bemühen wir uns, unsere Ängste und Sorgen von den Kindern fernzuhalten und ihnen einen Schonraum zu geben, doch die Omnipräsenz des Themas in den Medien und in unseren Gesprächen macht dies nahezu unmöglich.

Wir haben Anne und Andrea (berufstätige Mütter), Sandra (Lehrerin) und Katrin (Erzieherin und Mutter) zu ihren Erfahrungen befragt.

ALS: Sicher bekommen eure Kinder (privat, in Kindergarten oder Schule) mit, was in der Ukraine aktuell so vor sich geht. Welche Fragen stellen sie und was beschäftigt die Kleinen besonders?

Anne: Mein Sohn äußert hauptsächlich, dass er Angst hat, dass der Krieg auch zu uns kommen könnte. Außerdem versteht er einfach nicht, warum der „Herr Putin“ unbedingt noch ein Land braucht. Er hat doch schon eins.

Andrea: Die Kinder (8 und 11 Jahre) haben mit uns am Wochenende Nachrichten geschaut und waren sichtlich bestürzt, als sie gesehen haben, wie zerstört viele der Häuser in Kiew z.B. aussehen und wie viele Menschen jetzt auf der Flucht vor dem Krieg sind. Sie haben zwar davor auch schon vom Angriff auf die Ukraine gehört, aber für Kinder ist das ganze Thema doch erstmal sehr abstrakt.

Die ersten Fragen, die kamen. waren: Warum macht Russland bzw. Putin so etwas? Warum werden die Häuser zerstört? Warum töten sie denn die Menschen in der Ukraine? Wenn alle tot sind, ist doch keiner mehr da, der dort lebt. Was bedeutet es, dass die Nuklearwaffen in Alarmbereitschaft sind? Sterben wir dann auch, wenn dort eine Atombombe gezündet wird? Kommt der Krieg auch zu uns bzw. greift Russland vielleicht auch uns an?

Meine Achtjährige war sehr ergriffen, als sie gesehen hat, dass sich viele Kinder von ihren Vätern/Müttern/Omas … verabschieden mussten, weil sie, manchmal sogar allein z.B. mit dem Bus in ein Nachbarland geschickt wurden. Daraufhin sagte mein Sohn, dass er es sehr unfair findet, dass nur Kinder und Mütter ausreisen dürfen, die Väter aber alle da bleiben müssen. Erstaunlich fand ich die Antwort meiner Tochter: „Irgendjemand muss ja das Land verteidigen.“

Sandra: Warum gibt es diesen Konflikt? Kommt der Krieg auch zu uns? Wie geht es den Kindern/Jugendlichen in der Ukraine? (Manche Kinder dürfen von den Eltern aus nicht alles sehen.) Wo genau liegen die Länder? Welche Entfernung gibt es zu uns?

Ältere Schüler*innen: Welche Folgen hat der Konflikt für uns (Preise, Flüchtlinge etc.)? Müssen wir uns jetzt auch nicht mögen? (russische vs. ukrainische Schüler*innen etc.)

Katrin: Das schreckliche Leid der Menschen in der Ukraine ist etwas, was natürlich auch die Kinder beschäftigt. Durch Medien werden sie leider teilweise sehr ungefiltert mit Bildern und Aussagen konfrontiert, welche für sie eigentlich nicht geeignet sind und sie nur schwer verarbeiten können. Dabei kommen oft Fragen auf wie: „Was passiert mit den armen Menschen? Wo können sie jetzt leben?“ oder „Wie nah ist der Krieg und kommt er jetzt auch zu uns?“

Ich denke, dass es wichtig ist, gemeinsam zu überlegen, wie man selbst zum Helfer werden kann für Menschen, die in Not sind. Kinder wollen gerne helfen und erleben durch ihre Selbstwirksamkeit dann auch ein Gefühl von „dann wird es ein Stück weit wieder gut“. Das gemeinsame Sammeln von Sachspenden, die dringend gebraucht werden, ist eine schöne Sache, an welche die Kinder gemeinsam mit ihren Familien motiviert herangehen können.

Bei der Beantwortung der Frage „Ist der Krieg sehr nah und kann er auch zu uns kommen?“ finde ich es dennoch wichtig, den Kindern mit beruhigenden Aussagen im Gespräch zu begegnen. Kinder brauchen für eine gesunde Entwicklung die Gewissheit von Sicherheit und Stabilität und dies sollte man ihnen auch in schwierigen Zeiten bestmöglich geben.

Was bedeutet Krieg?

ALS: Wie erklärt ihr ihnen, was da gerade passiert und was ein Krieg bedeutet?

Anne: Ehrlich gesagt gehe ich da nicht zu sehr ins Detail. Es gibt leider nicht nur Gutes in der Welt und nicht alle Menschen leben friedlich und sind mit dem zufrieden, was sie haben. Ich versuche eher, das Verhalten von Putin zu erklären. Aus der fehlerhaften, menschlichen Perspektive. Niemand ist perfekt. Auch besonders mächtige Politiker sind es nicht und dann kann es leider passieren, dass solche Menschen sich für den falschen Weg entscheiden und damit andere Menschen verletzen.

Ich versuche ihm aber auch zu vermitteln, dass es auch für die Menschen in der Ukraine, trotz des Krieges, noch Hoffnung gibt und dass sie von den angrenzenden Ländern, wie Polen, sehr gut unterstützt und aufgenommen werden, damit sie wieder sicher sind. Ganz besonders Kinder.

Andrea: Wir haben offen mit den Kindern gesprochen, denn auch die Kinder können sich dieser Thematik nicht entziehen … dieser Konflikt ist allgegenwärtig und wird auch in der Schule thematisiert. Es gab auch am Mittwoch in der Schule schon eine Schweigeminute.

Es ist schwierig zu erklären, was da passiert und warum Putin so etwas macht, weil wir die Beweggründe ja ebenfalls nicht nachvollziehen können. Wir haben gesagt, dass er sein Land vergrößern will und das jetzt mit Gewalt durchsetzen will.

Die Frage, ob der Krieg auch zu uns kommt, haben wir so beantwortet, dass das Deutschland und auch viele andere (sowohl europäische als auch nicht-europäische) Länder mit allen Mitteln, aber ohne Gewalt, verhindern wollen. Sie zeigen Russland, dass sie nicht gut finden, was in der Ukraine passiert und greifen zu Mitteln wie Sanktionen (ein Begriff, der allerdings auch zunächst einmal erklärt werden musste).

Sandra: Ich versuche meine älteren Schüler*innen mit kleinen Aufklärungsfilmen aus YouTube zu erklären, was vor sich geht. Mit den jüngeren rede ich – gerade im Fach Ethik – mehr darüber, wie es sein muss, wenn man seine Heimat verlässt oder bitte sie darum, diese Erfahrungen für andere zu schildern, wenn sie diese schon einmal in einem anderen Kontext gemacht haben. Ich zeige Landkarten (auf der die Nähe der beiden Staaten ersichtlich ist) und versuche in einfachen Worten zu erklären, warum Putin die Ukraine beherrschen will und diese das nicht (mehr) will. Wichtig ist mir vor allem, dass russischstämmige Schüler*innen keinen Hass zu befürchten haben und deutlich wird, dass nicht alle Menschen in Russland mit dem Vorgehen von Putin zufrieden sind.

Katrin: Manche Kinder können mit dem Wort „Krieg“ nichts anfangen. Andere wiederum wissen bereits ausführlicher Bescheid und schildern dann beispielsweise, dass es Kämpfe zwischen „guten und bösen Menschen“ gibt. Auch hier braucht es eine einfühlsame Begleitung, die nicht detailgetreu, aber auch nicht realitätsfremd sein sollte. Leider gibt es auf der Welt Menschen, die z.B. durch krankhafte Machtbesessenheit Dinge tun, die bei anderen starkes Leid verursachen. Es wäre schön, wenn diese Menschen Mitgefühl entwickeln könnten und die Kämpfe unverzüglich einstellen würden. Leider können wir das nicht direkt beeinflussen. Trotz allem können wir gedanklich liebevolle Wünsche zu den armen Menschen im Kriegsgebiet schicken und hoffen, dass sich diese dennoch schnell erfüllen.

32.. Instagram Post Herz UkraineVielen Dank für eure Antworten!

(DD, 04.03.2022)

Link zum Thema Ukraine Krieg

https://www.daserste.de/information/politik-weltgeschehen/morgenmagazin/politik/Kinder-und-Krieg-Tipps-Psychologin-Elisabeth-Raffauf-100.html

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2 Kommentare

  1. Janet W. sagt:

    Danke für euren solidarischen Beitrag und auch den Link zum Umgang des Themas mit Kindern!

  2. Meret Scheffler sagt:

    Ich finde es gut, dass ihr euch auch diesem Thema annehmt und Stellung bezieht.

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