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Wenn wir im Wald plötzlich ein Reh sehen, passiert fast immer das Gleiche. Wir bleiben stehen, halten den Atem an – und zack, ist es auch schon wieder weg. Ein kurzer Blick aus großen dunklen Augen, ein Satz ins Dickicht und nur der weiße „Spiegel“ am Hinterteil verrät noch, wer da gerade verschwunden ist.
Oft wird das Reh unterschätzt. Viele glauben sogar, es sei einfach „die Frau vom Hirsch“. Spoiler: Das stimmt natürlich nicht. Rehe und Hirsche sind zwar verwandt, gehören aber zu völlig unterschiedlichen Arten.
Schon in der griechischen Mythologie hatte das Reh einen besonderen Platz. Es galt als heiliges Tier der Jagdgöttin Artemis und steht bis heute für Anmut, Sanftmut und Wachsamkeit. Hinter dieser eleganten Erscheinung steckt allerdings ein erstaunlich robuster Überlebenskünstler – mit Hochgeschwindigkeits-Flucht, perfekter Tarnung und einem ziemlich raffinierten Fortpflanzungstrick.
Zeit also, unseren zierlichen Nachbarn einmal etwas genauer kennenzulernen.


Rehe fühlen sich überall dort wohl, wo Landschaft abwechslungsreich ist: Waldränder, Wiesen, Felder und Lichtungen sind ihr Lieblingsrevier. Dichte Wälder ohne Unterholz mögen sie dagegen weniger – dort fehlt ihnen die Möglichkeit, schnell in Deckung zu gehen.
Wo sind sie zu Hause? Das Europäische Reh ist fast über den gesamten Kontinent verbreitet – von Skandinavien bis zum Mittelmeer und von England bis zum Kaukasus.
Denn Rehe sind sogenannte „Schlüpfer“. Das bedeutet: Bei Gefahr gehen sie nicht das Risiko ein, lange verfolgt zu werden, sondern verschwinden einfach blitzschnell im nächsten Dickicht.
Und schnell heißt hier wirklich schnell: Es kann Geschwindigkeiten von bis zu 60 km/h erreichen – und dabei noch erstaunlich elegante Haken schlagen.
Sie sind vor allem in der Morgen- und Abenddämmerung unterwegs. Dann verlassen sie ihre Deckung und ziehen auf Wiesen oder Felder, um zu äsen – so nennt der Waidmann das „Futtern“.
Wenn es ums Essen geht, ist das Reh ziemlich wählerisch. Während manche Pflanzenfresser einfach alles abgrasen, was sie finden, sucht es sich gezielt die nährstoffreichsten und feinsten „Pralinen“ heraus.
Auch wenn viele Menschen das denken: Ein Reh ist kein kleiner Hirsch. Tatsächlich gehören Rehe und Hirsche zwar beide zur Familie der Hirsche, aber zu unterschiedlichen Arten. Das Reh ist deutlich kleiner und lebt auch anders als der große Rothirsch.
| Merkmal | Reh | Rothirsch |
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|
| Größe | Zierlich, etwa wie ein großer Hund | Deutlich größer, fast wie ein kleines Pferd |
| Gewicht | 15 – 30 kg | bis zu 250 kg |
| Geweih | Kurz, meist maximal drei Enden pro Seite | GroĂźes, stark verzweigtes Geweih |
| Hinterteil | Weißer „Spiegel“, kaum sichtbarer Schwanz | Gelblicher Wedel (Schwanz) deutlich sichtbar |
| Familie | Ricke, Bock und Kitz | Hirschkuh, Hirsch und Kalb |
Kurz gesagt: Das Reh ist eher der elegante Wald-Sprinter, während der Rothirsch der kräftige König der Wälder ist.

Beim Reh gibt es – wie bei vielen Wildtieren – eigene Namen für die verschiedenen Familienmitglieder:
Wenn es um Nachwuchs geht, hat sich die Natur hier einen ziemlich cleveren Trick ausgedacht: die Keimruhe.
Meist bringt eine Ricke ein bis zwei Kitze zur Welt. Die kleinen Fellknäuel bleiben in den ersten Tagen gut versteckt im hohen Gras liegen. Dank ihrer weißen Tarnflecken sind sie dort für viele Fressfeinde fast unsichtbar.
Die weißen Tarnflecken der Kitze verlieren sich nach etwa drei bis vier Monaten. Wenn im Herbst das dichte, graubraune Winterfell (die Winterdecke) wächst, sind die Punkte verschwunden.

So elegant und schnell sie auch sind – ganz sorgenfrei leben sie trotzdem nicht. Natürlich haben sie auch in der Natur Feinde. Vor allem Luchse, Wölfe (hauptsächlich im Osten und Norden Deutschlands wieder heimisch) und manchmal auch der Rotfuchs können ihnen gefährlich werden, besonders den jungen Kitzen.
In unserer heutigen Landschaft sind es aber oft ganz andere Dinge, die den Rehen das Leben schwer machen.
Straßen durchkreuzen ihre Lebensräume, und gerade in der Dämmerung kommt es leider häufig zu Wildunfällen. Auch immer mehr Bebauung und neue Gewerbegebiete lassen Wiesen und Waldränder verschwinden – genau die Orte, an denen Rehe sich eigentlich besonders wohlfühlen.
Landwirte mähen ihre Wiesen meist im Frühjahr. Im hohen Gras liegen zu dieser Zeit häufig frisch geborene Rehkitze. In ihren ersten Lebenswochen besitzen sie jedoch noch keinen ausgeprägten Fluchtinstinkt. Statt zu fliehen, drücken sie sich bei Gefahr regungslos auf den Boden – ein Verhalten, das sie für den Landwirt im hohen Gras nahezu unsichtbar macht. Wird ein Kitz vom Mähwerk erfasst, bleibt es oft schwer verletzt und verstümmelt im Gras zurück.
Um solche tragischen Unfälle zu verhindern, setzen viele Jäger und ehrenamtliche Helfer Drohnen mit Wärmebildkameras ein. Mit ihrer Hilfe lassen sich die im Gras liegenden Tiere aufspüren, sodass sie vor dem Mähen in Sicherheit gebracht und vor dem Tod durch die Mähmaschinen bewahrt werden können.
Dazu kommt, dass sich immer mehr Menschen in ihrer Freizeit im Wald aufhalten: Jogger, Mountainbiker, Hunde und Spaziergänger sind natürlich willkommen in der Natur – für ein scheues Tier wie das Reh bedeutet das aber oft Stress und führt zu einem Flucht-Impuls.
Zum Glück sind Rehe erstaunlich anpassungsfähig. Sie haben gelernt, auch in unserer Kulturlandschaft zu leben – solange sie noch genug ruhige Rückzugsorte finden.

Das Reh ist weit mehr als nur eine zierliche Figur aus Märchen oder ein flüchtiger Schatten am Waldrand. Es ist ein erstaunlich gut angepasstes Wildtier mit perfekter Tarnung und beeindruckender Geschwindigkeit.
Wenn ihr also das nächste Mal ein heiseres Bellen aus dem Wald hört oder einen weißen „Spiegel“ im Gras verschwinden seht, wisst ihr: Hier war gerade einer der elegantesten Bewohner unserer heimischen Natur unterwegs.
(09.04.2026/LF)
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Nein, das ist ein weit verbreiteter Irrtum. Rehe und Rothirsche sind zwei völlig unterschiedliche Tierarten, auch wenn beide zur Familie der Hirsche gehören. Die „Frau vom Hirsch“ nennt man Hirschkuh oder Alttier.
Rehe sind echte Feinschmecker. Sie suchen sich gezielt nährstoffreiche Kräuter, zarte Knospen und junge Triebe aus. In der Jägersprache nennt man das Fressen übrigens „äsen“.
Die Punkte dienen der perfekten Tarnung im hohen Gras. Zusammen mit ihrem fast fehlenden Eigengeruch sind die Kitze so fĂĽr Fressfeinde wie FĂĽchse oder Luchse kaum aufzuspĂĽren.
Ja! Wenn Rehe Gefahr wittern oder erschrecken, geben sie ein lautes, heiseres Bellen von sich, um andere Artgenossen zu warnen. Jäger nennen dieses Geräusch „Schrecken“.
Das Geweih eines Rehbocks ist eines der am schnellsten wachsenden Gewebe im gesamten Tierreich! Es kann jeden Tag mehrere Millimeter wachsen, bis es im Herbst abgeworfen wird und der Kreislauf von vorn beginnt.
Ja, und zwar erstaunlich gut! Rehe sind keine wasserscheuen Tiere. Wenn es sein muss, durchqueren sie sogar Flüsse oder Seen, um Feinden zu entkommen oder zu neuen Futterplätzen zu gelangen.
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